Umkehr zu Mir
Ich war früher ein Mensch, der voll auf Selbsthass programmiert war. Ich machte mich ständig schlecht, urteilte und verurteilte mich selbst. Was andere taten, hatte mich hingegen nichts anzugehen. So hatte ich es gelernt und verinnerlicht.( "Du sollst nicht merken"). Wie mit dem Ärger ging es mir auch mit der Äusserung von Kritik: Kritik zu äussern, war "böse", denn wenn ich Kritik äusserte, war ich "negativ". Ich hatte die masochistische Einstellung internalisiert: Immer wenn ich mit dem Finger auf andere zeige, zeigen 4 Finger auf mich zurück. Mit dieser Einstellung war ich das perfekte Opfer und signalisierte damit unbewusst eine ständige Einladung an potentielle "Täter".Das war mir eine Quelle ständigen Leidens und Unwohlseins, denn ich konnte nicht damit aufhören, Ärger und Kritik dennoch zu äussern, wenn auch mit einer Selbstunsicherheit und nachfolgenden Schuldgefühlen, so dass man mich darin gar nicht erstnehmen konnte. Weil ich mich böse und schlecht damit fühlte, konnte ich nicht standhalten, sondern ging vor anderen Menschen immer wieder in die Knie... Ich bin sicher, ich hätte weniger gelitten, wenn ich mir aus der Not eine Tugend hätte basteln können, wie es jene taten, deren Anliegen es ist, anderen Menschen zu verbieten, mit dem Finger auf die Schuldigen/Verantwortlichen/Täter zu zeigen.
Dann eines Tages, als mich die Tugendfesseln schier zu ersticken drohten - das war in meiner Zeit bei den Anonymen Alkoholikern - hatte ich eine Erleuchtung und kehrte meine Einstellung einfach um: Ich fing damit an, das genaue Gegenteil zu tun, was die Glaubenssätze der Tugendbolde besagten: Ich zeigte mit sämtlichen Fingern fast nur noch nach draussen. Nein, ich projezierte nicht, ich lernte in diesem Kontext, meinen Gefühlen zu vertrauen und mein Verletztsein sofort zu formulieren, statt erst nach drei Tagen innerlichen Hin- und Herstreitens, ob das auch rechtens sei, was ich fühle....
So strampelte mich langsam aus der Opfer-Zwangsjacke und wurde zuweilen regelrecht zickig, was anfangs mit großer Angst verbunden war. Ich lernte quasi "Ich" zu sagen. Ich lernte zu sagen: DU hast mir wehgetan... Oder: DU unterdrückst mich mit deiner dominanten Art. DU, DU, DU....Statt mich ständig speziell von Männern - unterbrechen zu lassen, fing ICH an, zu unterbrechen. (Nach aussen machte ich auf viele Leute den Eindruck einer selbstsicheren Emanze, innerlich aber war ich weit entfernt vom "aufrechten Gang".)
Des weiteren begann ich mich bei allem, was ich tat, zu fragen, ob mir etwas wirklich gefällt oder wirklich guttut. Da war bei mir ja immer so ein Zweifel, dass das, was ich für Gut befand, in Wirklichkeit das Schlechte sei. Ich beobachtete meinen Körper in der Interaktion mit anderen, fühlte die Verspannungen, das Gefühl im Sonnengeflecht, den Atem... und das Spiel von Dominanz und Unterwerfung, welches ich in fast jeder Interaktion fand.
War die Angst (vor Selbstausdruck) überwunden, war alles "lustig": In der Umkehr zu mir selbst gab es nichts, was mich nichts anging: Ich erinnere mich in diesem Kontext, dass ich mir sogar die Kleidermuster von Frauen auf der Strasse lustvoll auf die Nerven gehen liess und keine Hemmung hatte, meiner Begleitung dies auch mitzuteilen: Guck dir das Kleid mal, so ein schreckliches Farben-Muster, da wird einem ja ganz schwindlig, das ist ja Körperverletzung usw.... Und prompt kam die Antwort: Was gehen dich denn die Kleider anderer Leute an, die können doch tragen, was sie wollen! - Hah, da war er wieder , der Zensor, das ekelhafte widerliche sadistische Über-Ich des moralitären Tugendbolzen und stiess mir sein Messer direkt ins Herz. "Du sollst nicht merken!" nichts sehen, nichts hören, nicht urteilen, nicht dies, nicht jenes tun.... Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute!
Aber zu jenem Zeitpunkt war ich schon so weit, dass mich das nicht mehr völlig herunterziehen konnte, da war kein Hass mehr auf "das Böse", kein aggressiver Abwehrreflex mehr bei mir, denn ich hatte den herzlosen Zensor in mir schon ziemlich bewusst gemacht, konnte den Spielverderber als solchen immer besser identifizieren und benennen. Deshalb konnte ich auch klar und deutlich sehen, dass dieser Mensch mit derselben Botschaft gefüttert wurde, wie ich: Sei nicht! Ich sah, wie er sich selbst verletzte, was er alles anstellte, um seinem "Vergewaltiger" zu entgehen und spürte seine Erleichterung, ihn auf mich projeziert zu haben...
Retrospektiv sehe ich heute, dass ich niemals so zerstörerisch mit dem inneren Aggressor identifiziert gewesen sein konnte, wie es diese Menschen waren, unter denen ich ja so sehr gelitten habe. Wer mit dem Aggressor identifiziert ist, der hat sich aufgegeben, der ist ein "Flüchtling", ein Schmerzvermeider, der leidet nicht, der fühlt sich wohl in der Unterdrückung (s.a.Stockholmsyndrom) bzw. der Partizipierung an der Macht des Aggressors. Dieser Überlauf ist mir niemals ganz gelungen. Ich kenne den dramatischen bzw. traumatisierenden Kampf um Sein oder Nichtsein, vor der Wahl zu stehen, entweder (in der Identifizierung mit dem Aggressor) ein gutes und braves Kind zu sein und dafür geliebt zu werden, oder als böses Mädchen ausgestossen zu werden, weil ich die Identifizierung, das Aufgehen im fremden Willen verweigere. Es fühlt sich ja so verdammt schön ozeanisch an, geradezu göttlich fühlt man sich in der Hingabe an den falschen Gott. Was für eine (prärationale) Erleuchterung !
Der Teufel kommt in der Maske des Engels. Diesen Kampf mit dem Falschen Gott muss ein jeder Mensch auf dem spirituellen Weg kämpfen, erst dann weiss er, was wirklich gut und wirklich böse ist. Transformation heisst, den Teufel in einen Engel zu verwandeln. Das Heilmittel für den Teufel heisst: Mitgefühl. (Allein das Mitgefühl mit sich selbst generiert das Mitgefühl für Andere!)
Die Identifizierung mit dem inneren und äusseren Aggressor ist m. E. die Ursache für die Borderline-Erkrankung. Ich habe diese Zustände einige Male an mir selbst erlebt, meine gesunden Anteile waren aber doch stärker und letztlich habe ich, bzw. hat der GEIST den Kampf um Sein oder Nichtsein gewonnen.
Der "gutmenschliche" politisch (un-) korrekte tugendterroristische Zeitgeist leidet an der Identifizierung mit dem Aggressor bzw. dem Borderline-Syndrom.
PS: Vorsicht! Eine narzisstische Opfermentalität, welche die Schuld generell auf andere projeziert, könnte sich durch diese "Umkehr" in ihrer Art bestätigt fühlen! Um zu gesunden, bedarf es in jedem Fall einer Täter-Opfer-Versöhnung - in sich selbst.
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