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Montag, 7. August 2017

Extrablah - Mal was Ketzerisches zu Godfather Ken Wilber



Ein paar selbständige Gedanken zu Ken Wilbers Ausführungen zu:

Ego(losigkeit) - Ich - Selbst


Wilber: "Es gibt eine beharrlich andauernde Verwirrung in der Literatur darüber, ob man zum Beispiel das Ich im Verlaufe höherer Entwicklung behält oder verliert. Die meisten transpersonalen Forscher sagen von den höheren Stufen, sie seien "jenseits des Ich" oder "transegoisch", was zu implizieren scheint, daß man das Ich verliert. Aber diese Verwirrung ist fast nur semantischer Art. Wenn man mit Ich eine ausschließliche Identifikation mit dem persönlichen Selbst meint, dann wird diese Ausschließlichkeit zum großen Teil verloren oder in höherer Entwicklung aufgelöst - dieses "Ego" wird zum größten Teil zerstört (und die höheren Stufen werden korrekt transegoisch genannt).

Wenn man mit Ich ein funktionales Selbst meint, das sich auf die konventionelle Welt bezieht, dann wird dieses Ich ganz entschieden behalten (und oft gestärkt). Ebenso, wenn man - wie die Psychoanalyse ? der Ansicht ist, daß ein wichtiger Teil des Ich die Fähigkeit zu distanzierter Selbstbeobachtung ist, dann wird dieses Ich mit Sicherheit behalten (und fast immer gestärkt). Wenn Enger sagt, daß "Meditation Ichstärke fördert", dann hat er absolut recht. Auch wenn man mit Ich die Fähigkeit der Psyche zur Integration meint - wie die Ich-Psychologie -, dann wird dieses Ich auch behalten und gestärkt. Kurz, die Ausschließlichkeit einer Identität mit einem gegebenen Selbst (Körper-Ich, Persona, Ich, Zentaur, Seele) wird mit jeder höheren Stufe des Selbstwachstums aufgelöst oder gelockert, aber die wichtigen funktionalen Fähigkeiten jeder Stufe werden behalten, (holarchisch) inkorporiert und oft in aufeinanderfolgenden Stufen gestärkt."
Aus: Du bist DAS, K. Wilber, 1999

Soweit Wilber.... 
1. Die Verwirrung mit dem  "transegoischen"  Bewusstsein ist meiner Erfahrung nach  nicht allein semantischer Art, sondern der Tatsache zu schulden, dass diese QUALITÄT sich einfach nicht beschreiben läßt, OHNE Verwirrung zu stiften.   Die Ursache für die Verwirrung liegt damit primär im Leser/Sucher selbst,
a) durch fehlende  transpersonale Erfahrung/Erkenntnis,
b) beim spirituell Erfahrenen, wenn er dennoch versucht - was sich nicht vermeiden läßt, um seine Erfahrung (Konzept) mitzuteilen -  das Unbeschreibbare, weil PARADOXE  Sein, welches im  befreiten Ich/SELBST sowohl als Alles als auch Nichts bzw.  als Vielfalt in der Einheit erkennbar ist. ICH bin also  ALLES, wenn ich mich  in Liebe mit der Vielfalt allen Seienden identifiziere/verBINDE  und ich bin  Nichts in der Einheit, derweil ich mich   von der Vielfalt desidentifiziere und in der Einheit aufLÖSE.  (Solve et coagula - binden und lösen)

Die Verwirrung entsteht v.a. dadurch, dass man versucht ist, DAS, was   "Weder dies noch Jenes" ist,   mit "dies und jenem"  zu beschreiben! 

Auch Wilber kann hier wohl nicht anders, als dem transegoischen Sein im Ganzen und ohne nähere Erklärung personale Eigenschaften zuzuschreiben, was eben jener Verwirrung des Verstandes geschuldet ist, die immer einsetzt, wenn man das paradoxe Sein zu beschreiben bemüht ist; es ist tatsächlich unmöglich, das Nichtidentifiziertsein mit Eigenschaften - was dem paradoxen Sein zugrundeliegt - zu beschreiben - beschreiben läßt sich  nur die Identifikation. 
 Mit Eigenschaft identifiziert zu sein, heisst aber ganz klar, das Ego NICHT überwunden zu haben. Die Identifizierung mit Eigenschaften besagt: Ich bin, was ich denke, das ich bin. Eigenschaften werden vom Ego per se immer als gut oder schlecht bewertet. Eine neutrale WErtung von Eigenschaften gibt es nicht.
Mit Eigenschaft NICHT identifiziert zu sein, bedeutet, erkannt zu haben, dass ich nicht das bin, was ich gedacht habe, das ich bin.  Mein Selbstbild hat sich aufgelöst.
Tatsächlich verschwindet rein äusserlich weder die Welt noch die Person, wenn das Ich transformiert/transzendiert ist.  Oft glauben und denken spirituelle Sucher, dass das Ego  mit seinen negativen wie positiven Eigenschaften erhalten bleibt, nur mit dem Unterschied, dass man das Negative nichts als negativ und das Positive nicht als positiv WERTET. Das ist falsch gedacht.  Man kann z.B. nicht dauernd aufbrausend sein und dabei NICHT mit Ego identifiziert sein. Transegoische Attribut ist Gelassenheit und Gleichmut! Diese sind jenseits von Ego die Regel und nicht die Ausnahme! (Im Gegensatz zum Ego, dem Gelassenheit und Gleichmut eher die Ausnahmen sind).  Natürlich KANN es auch im transegoischen Bewusstsein mal vorkommen, dass man nach aussen hin "aufbrausend" scheint, innerlich aber distanziert ist, keine Abwehr, keine Leidenschaft dahinter steckt. Trotzdem sind das m. E. Ausnahmen, auch wenn es angesichts so mancher Spiritanten gerechtfertigt scheint,sie u.U. die Treppe hinunter bzw. aus der Wohnung zu schmeissen, wenn sie einem Meister mit spirituellem Papageiengeschwätz belästigen.

Wenn das Ich transzendiert ist, sind seine Eigenschaften transzendiert, logo, das ist die Voraussetzung für die SELBSTwerdung. WEnn du ein Choleriker warst und eine deiner Eigenschaft Ungeduld und schnelles Aufbrausen war, dann wirst du im Individuationsprozess III von diesen Eigenschaften geheilt. Das heisst aber nicht, dass du als Geheilter  das Gegenteil eines Cholerikers wirst, was der Phlegmatiker ist. Nein, du ruhst in deiner unbeschreibbaren und undefinierbaren  Mitte  - ES hält  die Balance aufrecht, auch Gleichmut genannt.
Wozu sonst soll Schattenintegration und Transformation gut sein, wenn nicht dazu, die egoischen Eigenschaften zu transformieren und zu transzendieren? 
Wenn eine deiner Eigenschaften ist, deine Frau zu schlagen, dann hörst du jenseits von Ego damit auf. Deine Automatismen, dein Reiz-Reaktions-Schema werden geheilt. Und all das, was du an dir für positiv und eine Tugend hieltest wird im Lichte von Achtsamkeit/Gewahrsein als Laster erkannt, derweil deine Tugenden unbewusst und automatisch abliefen und du z.B. gar nicht anders konntest, als hilfreich, edel, gut zu sein, weil dein Überich/Ich-Ideal es dir aufzwang und es dir soziale Anerkennung brachte.

Mir fällt absolut keine einzige personale Eigenschaft ein, die auf dem spirit. Weg so bliebe, wie sie war. Nichts, aber auch gar nichts bleibt erhalten, alles - jegliche Identifizierung  mit sich und seinen Eigenschaften muss erkannt und aufgelöst werden. Die Wahrheit ist: Man kann jenseits von Ego überhaupt nicht mehr von Eigenschaften sprechen.
Solche Thesen, wie Wilber sie hier formuliert bzw. wie sie oft zur eigenen Bestätigung (miß-)verstanden werden, ist nur Wasser auf den Mühlen jener, die den Kuchen essen und gleichzeitig behalten wollen und glauben wollen, dass sie "im Großen und Ganzen" so bleiben könnten wie sie sind. (Nochmal: Annahme ist die Grundvoraussetzung für Veränderung)

2. Der zweite Teil, wo es um die Funktionalität des transegoischen Ichs in der Gesellschaft geht, ist in manchen Teilen für mich ebenso mißverständlich und kann von spirit. Suchern leicht mißbraucht werden, um die eigene Ichhaftigkeit und Veränderungsunwilligkeit zu rechtfertigen. (Glaubenssatz: Es gibt nichts zu tun.)
Was versteht Wilber unter Stärke und Funktionialität? Wenn er Durchsetzungsstärke meint, irrt er. Das transegoische Ich fliesst mit dem Strom, nicht gegen den Strom. Das noch unerlöste Ich bedarf im Vorfeld der Endgültigen Befreiung (Moksha) der KRAFT zur Heilung und der KRAFT zur Integration, um "Gott"-SELBST aufzunehmen, es ist nicht die egoische  Ich-Kraft, sondern die transegoische KRAFT des SELBST , die dem Ich die Stärke gibt, dem Unbewussten standzuhalten und seine Überschwemmung verhindert,   was in Schattenprozessen leicht vorkommen kann.  Hier gibt es schon keine Trennung mehr zwischen egoischem und transegoischem Ich/SELBST, weil das SELBST/Gewahrsein sich peu a peu an die Stelle von Ich setzt. (Bewusstheit, Licht wird es nur  im selben Maße, als Schatten integriert werden.)

Tatsächlich ist es so, dass personale Heilung (Individuation III), die zum transpersonalen ganzheitlichen "HEIL" führt,  nicht durch Aufbau, sondern im Gegenteil durch Abbau der egoischen Abwehrmechanismen  erfolgt. Die traditionelle Psychotherapie baut das Ich i.d.R. auf, damit es wieder in den Arbeitsprozess integriert werden kann, die transpersonale Psychotherapie baut es i.d.R. ab.  Die traditionelle Psychotherapie verhilft Menschen, deren Verdrängung nicht so gut funktioniert,  dazu, das Ich zu stärken, indem die Abwehrkräfte/Verdrängung gestärkt werden. 
Die transpersonale Psychotherapie hingegen ARBEITET mit der geschwächten Abwehr, also mit dem, was ist bzw. sich gerade zeigt, statt verändern zu wollen.   (Es gibt aber auch schwere Fälle, wo das Ich erst etwas aufgebaut werden muss,  um mit dem Klienten überhaupt arbeiten zu können, damit das Unbewusste nicht die Oberhand über das TAgesBewusstsein kriegt. Geht nichts über eine gute ERdung.)
Die KRAFT des transegoischen Ich liegt aber niemals in der eigenmächtigen Durchsetzung von Interessen oder Verfolgung von weltlichen Zielen wie Karriere usw. ES tut nichts, ES läßt absichtslos geschehen.
Die KRAFT des transegoischen Ichs basiert auf der grundlegenden Angstfreiheit, es ist befreit von der Angst, es selbst zu sein. DAS befähigt das transegoische Ich, in vieler Hinsicht besser zu "funktionieren" und zu reagieren, weil es weder mit sich noch mit anderen in Konflikt ist.  (Was aber nicht bedeutet, dass es keine Feinde hat).

Was meint K. Wilber mit der Fähigkeit zur distanzierten Selbstbeobachtung? Dass diese nicht verlorengeht? Das egoische Ich ist gar nicht fähig, sich  distanziert zu beobachten, wenn es glaubt, es beobachte sich "distanziert" und wertungsfrei,  dann dissoziiert es.      Nur das transegoische Ich kann neutral  (jenseits von Distanz und Nähe)  beobachten und das ist ihm keine Fähigkeit, sondern ein SEIN  -  Gewahrsein.  Da ist kein egoisches "Ich" mehr, was einer Beobachtung zugänglich wäre. Anstelle des egoischen Ichs, findet man jetzt  nur die berühmte Leere.  

Die Achtsamkeit/Gewahrsein des transegoischen Ich-Bewusstseins  ist gleichermaßen nach aussen und nach innen gerichtet.  Für auf- oder abwertende Selbstbeobachtung hat das transegoische Ich absolut keinen Grund, es stellt sich , sein Denken und Tun nicht  Frage.   Sich mit den Augen der Anderen zu sehen, gelingt ihm immer noch, aber nicht als pathologische Identifikation oder,  wie früher, um sein Verhalten im Sinne der Normen zu reflektieren, sondern er kennt ja aus eigener Erfahrung den Beurteilungs- und Wertungsmodus des alten Ichs.  Er geht nicht mehr in sich - er IST in sich.  Schmerzhafte Selbstreflektion findet nicht (mehr) statt. Reue, Scham - null. Er reflektiert nicht mehr im Sinne von gut-böse oder richtig-falsch. Nix kümmert ihn.

Die Aussage Wilbers: "Wenn man mit Ich ein funktionales Selbst meint, das sich auf die konventionelle Welt bezieht, dann wird dieses Ich ganz entschieden behalten" verneine ich hingegen ganz entschieden. In meiner Erfahrung behält man gar nichts von seinem alten Ich, man bekommt das Ich am Ende quasi verwandelt "zurückgeschenkt". Man verliert erst mal alles bzw. muss bereit sein, die ganze Kontrolle über sämtliche  Ich-Funktionen zu verlieren und jeden Widerstand dagegen loszulassen. (Die Formulierung Wilbers impliziert, dass ein Mensch irgendetwas an Ego für sich behalten darf.  Der Sucher, der  glaubt, dass er was behalten darf, kann sich unmöglich den TiefenProzessen hingeben!
(Das Auf- und  Abtauchen in die TiefenProzesse und die danach anstehende Integration ins Ich ist sehr schwer und oft nicht allein zu bewältigen. Oft muss man sich deswegen aus dem gesellsch. Leben zurückziehen, weil man zu verletztlich und dünnhäutig ist und große Angst hat,  dass man die Ich-Kontrolle in Gegenwart anderer vollends verlieren könnte und man nicht im Nirvana, sondern in Der Anstalt landet.)
 Die Funktionalität  des transegoischen Ichs auf der gesellschaft. Alltagsebene hängt demnach davon ab, ob man seine Trans-Erfahrungen letztlich auch rational gut integrieren kann.  Viele Spirituelle bleiben auch nach einer Großen Erfahrung mit dem Kopf in den Wolken und finden mit den Füßen nicht mehr auf die Erde, weil ihnen die  geistige KRAFT fehlt, ihre spirit. Erfahrungen intellektuell  einzuordenen und zu verarbeiten. Viele Finder sind dysfunktional in dem Sinne, dass sie sich im Alltagsleben nicht  mehr auf Aufgaben konzentrieren können, da sie ständig in ihre faszinierende innere Welt gezogen werden, u.a. weil für sie die äussere Welt bedeutungsentleert ist und daher jegliche Anziehung verloren hat.
 Da hilft nur eines: Erden, erden, erden!  Oder  spontanes Schreiben - das  hilft auch, aus dem fruchtbaren Chaos eine neue Ordnung erstehen zu lassen.

PS: Es war mir ein Anliegen, aus der Sicht meiner Erfahrung einige Mißverständnisse zu klären, die sich speziell für spirit. Sucher aus dem vorliegenden Text von Ken Wilber ergeben könnten. Sein Text ist aus 1999 - möglicherweise  würde er heute anders formulieren, er hat schon viele seiner früheren Bücher/Texte revidiert.